Für Werkstätten mit gemischten Fuhrparks ist der Zugang zu herstellereigenen Diagnoseportalen ein zentrales Arbeitsmittel. Je nach Steuergerät und Funktionsumfang braucht es dabei den direkten Herstellerzugang neben dem Mehrmarken-Diagnosesystem. Mit der EU-Verordnung 2018/858 ist der Rahmen dafür klar geregelt. Unabhängige Werkstätten haben deshalb ein gesetzlich verankertes Recht auf Zugang zu den gleichen Reparatur- und Wartungsinformationen, die auch dem autorisierten Netzwerk zur Verfügung stehen. Die RMI-Bestimmungen der Verordnung sichern den Zugang zu herstellerspezifischen Reparaturinformationen. Für sicherheitsrelevante Systeme ist zudem die SERMI-Zertifizierung erforderlich. OEM-Schnittstellen liefern Diagnosedaten heute fast ausnahmslos im Format der ISO 22901 (ODX – Open Diagnostic Data Exchange), die maschinenlesbare Beschreibung von Steuergeräten standardisiert.
Dieser Artikel erklärt, welche Rechte Sie als unabhängige Werkstatt haben. Außerdem zeigt er, wie Sie den Zugang zu den OEM-Portalen der großen Nutzfahrzeughersteller erhalten und welche technischen Voraussetzungen Sie erfüllen müssen. Er richtet sich an Werkstattinhaber und Werkstattleiter – freie NFZ-Werkstätten ebenso wie OE-Werkstätten, die ihr Leistungsspektrum für gemischte Fuhrparks öffnen. Damit wollen sie ihre Diagnosefähigkeit über alle 14 NFZ-Hersteller im Alltrucks-Portfolio hinweg systematisch aufstellen. Akkreditierte Prüforganisationen dokumentieren die Rahmenbedingungen zudem in ihren aktuellen Branchenreports.
OEM-Systemzugriff für freie Werkstätten ist der kontrollierte Zugang unabhängiger Betriebe zu Hersteller-Diagnose-Portalen, Reparaturdaten und Codierungsfunktionen. Dabei regelt die EU-Verordnung 2018/858 diesen Zugang zu angemessenen und verhältnismäßigen Konditionen. Somit schafft sie eine verlässliche Grundlage für Mehrmarken-Servicekompetenz.
Was regelt die EU-Verordnung 2018/858 zum OEM-Zugang?
Die EU-Verordnung 2018/858 über die Genehmigung und Marktüberwachung von Kraftfahrzeugen regelt seit September 2020 verbindlich den Zugang zu fahrzeugtechnischen Reparatur- und Wartungsinformationen (RMI). Dabei verpflichtet sie alle Fahrzeughersteller, unabhängigen Marktteilnehmern den Zugang zu den gleichen Informationen zu gewähren, die auch ihren autorisierten Netzwerken zur Verfügung stehen. Dazu zählen unabhängige Werkstätten, Teilehändler und Diagnosehersteller.
Was die Verordnung konkret umfasst
- Technische Informationen: Schaltpläne, Fehlersuchanleitungen, Arbeitswerte, Einstelldaten, Prüfprogramme und Kalibrierungsanweisungen
- Diagnosezugang: Zugang zu allen Steuergeräten über standardisierte Schnittstellen, einschließlich Fehlercodeauslese, Aktortests und Parametrierungen
- Software-Updates: Zugang zu Steuergeräte-Software und Firmware-Updates, die für die Reparatur und Wartung erforderlich sind
- Sicherheitsrelevante Systeme: Zugang zu Diebstahlsicherung, Wegfahrsperre und anderen sicherheitsrelevanten Systemen – unter Einhaltung definierter Sicherheitsanforderungen (SERMI)
- Schulungsunterlagen: Zugang zu den gleichen technischen Schulungsmaterialien, die auch Vertragshändlern zur Verfügung stehen
Rechtlicher Hinweis: Die Verordnung gilt für Fahrzeuge mit neuer EU-Typgenehmigung. Das genaue Geltungsdatum kann sich je nach EU-Verordnungstext und Fahrzeugklasse leicht unterscheiden. Werkstätten sollten daher den aktuellen Stand vor relevanten Schritten verifizieren. Für ältere Fahrzeuge gilt weiterhin die Vorgängerregelung (EU 595/2009 für schwere NFZ). In der Praxis haben die meisten Hersteller ihre Portale jedoch auch für ältere Baureihen geöffnet, denn der Verwaltungsaufwand einer Differenzierung nach Baujahr wäre unverhältnismäßig.
Welche OEM-Portale gibt es und wie sind sie strukturiert?

Jeder große Nutzfahrzeughersteller stellt ein eigenes RMI-Portal bereit. Darüber greifen unabhängige Werkstätten auf Reparatur- und Wartungsinformationen sowie Diagnosefunktionen zu. Die Portale unterscheiden sich dabei in Umfang, Benutzerführung und Lizenzmodell. Für Werkstätten mit gemischten Fuhrparks gehören sie zum Standardrepertoire neben einem leistungsfähigen Mehrmarken-Diagnosesystem.
Die gängigen Portale am europäischen NFZ-Markt sind unter anderem XENTRY (Mercedes-Benz), MAN Service Information System, DAF CONNECT bzw. TOPEC, Scania Multi / SDP3, Volvo Tech Tool und IVECO Easy (E.A.Sy). Typische Lizenzmodelle reichen von Stunden-, Tages- oder Sitzungslizenzen für punktuelle Zugriffe bis hin zu Jahreslizenzen für dauerhaft betreute Marken. Konkrete Tarife und Varianten veröffentlichen die Hersteller zudem in ihren RMI-Portalen. Stand und Konditionen sind dort jeweils aktuell abrufbar.
Die Wahl des passenden Lizenzmodells hängt vom Auftragsvolumen je Marke ab. Für regelmäßig betreute Hersteller passt in der Regel eine Jahreslizenz, für gelegentliche Zugriffe dagegen ein zeit- oder sitzungsbasiertes Modell. Ergänzend öffnet Gateway Pass Thru bestimmte OEM-Funktionen über das bestehende Diagnosesystem.
Welche technischen Voraussetzungen braucht der OEM-Zugang?
Ein Zugang zu den OEM-Portalen erfordert mehr als nur eine Registrierung. Die technischen Voraussetzungen sind herstellerabhängig, folgen aber einem ähnlichen Muster. Im Wesentlichen benötigen Sie:
Registrierung und Legitimation
Registrieren Sie sich zunächst auf dem jeweiligen OEM-Portal mit Ihren Gewerbedaten. Die meisten Hersteller verlangen dabei einen Handelsregisterauszug, eine Gewerbeanmeldung und den Nachweis als Werkstattmeisterbetrieb (Nutzfahrzeugtechnik). Die Bearbeitungszeit liegt in der Praxis typischerweise zwischen wenigen Tagen und mehreren Wochen – je nach Hersteller und Vollständigkeit der Unterlagen. Planen Sie diesen Vorlauf daher ein, bevor Sie den Zugang im Akutfall benötigen.
Hardware: VCI und Laptop
Um den Diagnosezugang zu nutzen benötigen Sie ein herstellerkompatibles Vehicle Communication Interface (VCI). Einige Hersteller akzeptieren dabei Drittanbieter-VCIs (z. B. Bosch KTS-Serie), andere verlangen dagegen ihr eigenes Interface. Zusätzlich brauchen Sie einen Windows-Laptop mit den vom Hersteller definierten Mindestanforderungen (i. d. R. Windows 10/11, 8 GB RAM, SSD). Ein Mehrmarken-Diagnosesystem kann zudem als Hardware-Basis dienen.
SERMI-Zertifizierung für sicherheitsrelevante Systeme
Um den Zugang zu sicherheitsrelevanten Steuergeräten zu erhalten (Wegfahrsperre, Diebstahlsicherung, Schlüsselprogrammierung) ist seit 2023 die SERMI-Zertifizierung (Security-Related Repair and Maintenance Information) erforderlich. Dabei umfasst sie eine Identitätsprüfung, eine Zuverlässigkeitsüberprüfung und die Einhaltung definierter Sicherheitsstandards. Durchgeführt wird die Zertifizierung von akkreditierten Prüforganisationen, zudem ist sie drei Jahre gültig.
Stabile Internetverbindung
Alle OEM-Portale arbeiten cloud-basiert. Daher benötigen Sie für die Echtzeit-Diagnose und insbesondere für Software-Downloads eine stabile Internetverbindung – Steuergeräte-Updates können mehrere Hundert Megabyte umfassen. Als Richtwert hat sich in der Praxis eine Downloadrate im zweistelligen Mbit/s-Bereich bewährt (z. B. ab ca. 50 Mbit/s). Zudem ist eine unterbrechungsfreie Verbindung während eines Software-Updates sicherheitskritisch, denn ein Abbruch kann das Steuergerät unbrauchbar machen.
Praxis-Einordnung: Der OEM-Zugang ist anfangs ein Aufwand – Registrierung, SERMI, Hardware. Richtig aufgesetzt wird er jedoch zum Standardwerkzeug für die Arbeit an gemischten Fuhrparks.
Was geht beim OEM-Systemzugang in der Praxis und was nicht?

Der gesetzliche Rahmen ist gesetzt. Entscheidend ist daher die operative Umsetzung im Werkstattalltag. In der Kombination aus Mehrmarken-Diagnosesystem und OEM-Portalzugang lassen sich gängige Diagnose- und Reparaturaufgaben abbilden: Fehlercodeauslese, Aktortests, Kalibrierungen, Servicefreigaben und die meisten Software-Updates. Der Werkstattalltag zeigt dabei, dass die Reibung eher in Registrierung, SERMI-Prozess und Schulung liegt als in der Technik selbst.
Einzelne Aufgaben bleiben jedoch differenziert zu betrachten. Bestimmte Online-Flashvorgänge erfordern nämlich eine Echtzeitverbindung zum OEM-Backend, und nicht alle sicherheitsrelevanten Funktionen sind bereits vollständig über SERMI zugänglich. Die Hersteller arbeiten daher im Rahmen der RMI-Verpflichtungen kontinuierlich an der Weiterentwicklung ihrer Portale.
Typische Einsatzszenarien
- Software-Rückruf: Ein offener Rückruf für ein Motorsteuergeräte-Update wird über das jeweilige Hersteller-Portal bearbeitet: Software herunterladen, VCI anschließen, Steuergerät flashen.
- Schlüsselprogrammierung: Über die Hersteller-Diagnoseumgebung und mit SERMI-Zertifizierung lassen sich Zündschlüssel und Wegfahrsperren-Komponenten anlernen.
- Parametrierung: Anpassungen der Steuergeräte-Parameter (z. B. Achsübersetzung) erfolgen über das entsprechende OEM-Portal – vorausgesetzt, Lizenz und Qualifikation liegen vor.
Einordnung in die Mehrmarken-Praxis: Der OEM-Systemzugriff für freie Werkstätten wirkt im Betrieb am besten im Zusammenspiel mit einer belastbaren Mehrmarkendiagnose-Basis. So bildet die Alltrucks Mehrmarkendiagnose (Alltrucks KTS Truck V3, Bosch + Knorr-Bremse-Integration) dafür eine breite Markenabdeckung ab. Der OEM-Zugang ergänzt dagegen markenspezifische Tiefenfunktionen. Welche Kombination aus Portalen, Lizenzmodellen und Diagnose-Stack für einen Betrieb sinnvoll ist, besprechen wir gerne gemeinsam. Ergänzend dazu: Gateway Pass Thru.
Welche Zugangsstrategie passt zu welcher Werkstatt?
Nicht jede Werkstatt braucht Jahreslizenzen für sämtliche OEM-Portale. Die sinnvollste Aufstellung hängt vielmehr vom Fahrzeugspektrum und Auftragsvolumen ab. Eine Auswertung der Aufträge der letzten zwölf Monate nach Hersteller zeigt daher, bei welchen Marken der OEM-Zugang besonders oft gebraucht wird und wo die Mehrmarkendiagnose den Regelfall abdeckt.
In der Praxis bewährt sich häufig ein Drei-Stufen-Modell. Stufe 1 ist dabei ein leistungsfähiges Mehrmarken-Diagnosesystem als Basis. Stufe 2 sind Jahreslizenzen für die Hersteller mit hohem Anteil am Auftragsvolumen. Stufe 3 ist schließlich der Pass Thru- oder Einzellizenz-Zugang für gelegentliche OEM-Funktionen bei weiteren Marken. Welche Stufung konkret passt, besprechen wir gerne gemeinsam – einschließlich der Frage, welche Alltrucks-Trainings (Stufen 1/2/3, Zertifizierung als Mehrmarken-Systemtechniker) zur angestrebten Diagnose-Tiefe passen.
Die EU-Verordnung setzt den Rahmen. Entscheidend ist daher, wie Werkstätten Registrierung, Lizenzmodell und Qualifikation strukturiert aufsetzen – am besten im Zusammenspiel von Mehrmarkendiagnose und OEM-Zugang.
- EU-Verordnung 2018/858 kennen: Die Zugangsrechte als unabhängige Werkstatt sind gesetzlich verankert
- Marken-Schwerpunkte identifizieren: Welche Hersteller werden am häufigsten betreut? Dort zuerst das passende OEM-Portal aufsetzen
- OEM-Portale registrieren: Über die herstellerspezifischen Registrierungsportale – Vorlaufzeit einplanen
- SERMI-Zertifizierung prüfen: Für sicherheitsrelevante Systeme zunehmend erforderlich
- Lizenzmodell auswählen: Zeit-/Sitzungslizenz oder Jahreslizenz je nach Auftragsvolumen
- Hardware klären: VCI-Kompatibilität und Laptop-Anforderungen je Hersteller prüfen
- Einordnung ins Gesamtbild: Zusammenspiel mit Mehrmarkendiagnose und Qualifikation im Gespräch mit uns klären